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Trends in der IT

NFC Payment

Prof. Dr. Nikolaus Mohr

Prof. Dr. Nikolaus MohrProf. Dr. Mohr ist Geschäftsführer bei Accenture in Deutschland. Er ver­ant­wortet das Telekommunikation & Medien Kunden-Portfolio im deutsch­sprachigen Raum. Als Strategieberater verfügt er über langjährige Erfah­rung in der Entwicklung und Umsetzung von Projekten im Strategie-, Organi­sations- und IT-Umfeld auf Top-Management Ebene. Dr. Mohr ist Autor mehrerer Managementbücher, Fachartikel und Studien. Im Rahmen seiner akademischen Laufbahn war er Gastdozent für International Business Strategy an der University of Georgia (USA) und lehrt derzeit Strategisches Transformationsmanagement an der Universität Regensburg. Er ist derzeit Honorar Professor an der Universität Regensburg.

 

Accenture
Accenture ist ein weltweit agierender Managementberatungs-, Technologie- und Outsour-
cing-Dienstleister mit mehr als 246.000 Mitarbeitern, die für Kunden in über 120 Ländern
tätig sind. Als Partner für große Business-Transformationen bringt das Unternehmen umfas-
sende Projekterfahrung, fundierte Fähigkeiten über alle Branchen und Unternehmensbereiche
hinweg und Wissen aus qualifizierten Analysen der weltweit erfolgreichsten Unternehmen in
eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit seinen Kunden ein. Accenture erwirtschaftete im
vergangenen Fiskaljahr (zum 31. August 2011) einen Nettoumsatz von 25,5 Mrd. US-Dollar.

 

 

Interview

In den Medien liest man immer wieder von „Mobile Payment“. Was verbirgt sich dahinter?
Beim „Mobile Payment“ bezahlt man mit seinem Mobiltelefon. Dahinter stehen zwei
Möglichkeiten, einmal „Remote Payments“. Hier wird ein digitales Produkt oder eine vir-
tuelle Dienstleistung über das Handy ausgewählt und direkt bezahlt, z. B. wenn man
sich kostenpflichtige Apps aus einem App-Store herunterlädt oder per SMS an einem
Parkautomaten bezahlt. In jüngster Zeit sorgt vor allem die zweite Möglichkeit für
Schlagzeilen, die „Proximity Payments“. Dabei wird das Handy im Prinzip zur EC- oder
Kreditkarte. Es übermittelt etwa im Supermarkt Zahlungsdetails an ein Zahlungstermi-

nal, ohne dass der Kunde zusätzliche Daten eingeben muss.

 

Wo wird Mobile Payment in unserem heutigen Alltag schon eingesetzt?
Sehr etabliert ist Mobile Payment beim Aufladen von Pre-Paid-Mobilfunkguthaben. Auch
der öffentliche Personennahverkehr setzt es bereits ein. Ein prominentes Beispiel aus
Deutschland ist das Pilotprojekt „Touch & Travel“ der Deutschen Bahn. In Wien kann man
über Handy Vienna Parkscheine bezahlen. Auf der Car-Sharing-Plattform Netbike kann
man Fahrräder mobil bezahlen, bei Hotel Tonight lassen sich mobil Zimmer buchen. In
den USA bietet Fadango den Kauf von Kinokarten per Handy an.

 

Welche Vorteile hat Mobile Payment ge­genüber den klassischen Bezahlsystemen?
Der Zahlvorgang ist schneller und bequemer als bei den klassischen Bezahlsystemen. Er ist
außerdem sicherer als Bargeld- oder Kartenzahlung, da die Mobiltelefone zusätzlich mit
einem Passwort gesichert sind.

 

Ein Baustein für die Nutzung der Technologie ist die „Near Field Communication“. Warum ist gerade diese Technik entscheidend für Akzeptanz und großflächigen Einsatz des Mobile Payments?
„Proximity Payments“ über NFC sind sehr anwenderfreundlich und man kann auf die
technische Infrastruktur zurückgreifen, die es bereits für EC-, Kredit- und andere Bezahlkar-
ten gibt. Die Anwendungsmöglichkeiten für NFC gehen über das reine Bezahlen hinaus.
Z. B. kann der Kunde weitere Informationen über ein Produkt oder einen Service mit sei-
nem Mobiltelefon auslesen und überall mit Coupons erreicht werden. Gleichzeitig kann
er sein Handy als Kundenkarte verwenden.

 

Welche Rolle wird dabei das Smartphone beim Abwickeln von Zahlungen haben?
Über sein Smartphone steuert der Kunde, wann und wo er mobil bezahlen will, indem er
die Bezahlfunktion aktiviert/deaktiviert. Er kann den Stand seiner Transaktionen abrufen, sich
einen Überblick über Guthaben und Ausgaben verschaffen, und das alles schneller als bei
den herkömmlichen Bezahlkarten. Am Point-of-Sale legitimiert der Kunde sich über eine
eingebaute PIN-Prüfungen, ein Vorgang, der im Hintergrund abläuft. Insbesondere in Ent-
wicklungs- oder Schwellenländern kann das Handy als „mobile Brieftasche“ den Menschen
deutlich mehr Möglichkeiten und Flexibilität geben, ohne erst eine funktionierende und
komplexe Bankeninfrastruktur einzuführen, wie wir sie in den Industrieländern kennen.

 

Welche neuen Geschäftsfelder werden sich durch die Technologie eröffnen?

Unternehmen, die mobiles Bezahlen anbieten, können Informationen über das Kaufverhalten
ihrer Kunden sammeln und diese gezielt für personalisierte Angebote und Kundenbindung
einsetzen. Das Interesse von Google und seine Investitionen in „Google Mobile Wallet“ zeigen,
dass NFC weitaus mehr Potenzial verspricht als die reine kontaktlose Bezahlfunktion.
Ein vielversprechender Anwendungsbereich ist „Mobile Commerce“. Der Einzelhandel
erhält neue Möglichkeiten, das Kaufverhalten seiner Kunden zu analysieren, zu segmentieren
und individuell anzusprechen, z. B. mit Coupons. Wie erfolgreich Mobile Commerce wird,
hängt davon ab, dass die NFC-Infrastruktur flächendeckend ausgebaut wird. Das wiederum
hängt am Investitionswillen der Einzelhändler. Darüber hinaus müssen verschiedene Branchen
in Kooperation dazu beitragen, diese Infrastruktur zu verwirklichen, also Banken, Kreditkarten-
unternehmen und Mobilfunkanbieter. Bislang stockt die Verbreitung von NFC-
Angeboten, u. a. weil sich die Beteiligten uneins darüber sind, ob der NFC-Chip Teil der
SIM-Karte oder Teil des Mobiltelefons sein soll, was etwa Google favorisiert.

 

Wie sicher ist „Mobile Payment“ mit NFC-Technologie?
Die NFC-Mobile-Payment-Architektur wurde unter strikten Sicherheitsaspekten aufgebaut.
Zahlungstransaktionen, die über diese Archi­tektur abgewickelt werden, haben eine höhe-
re Sicherheitsstufe als die aktuell verwendeten EMV-Chips bei Kartenzahlung. Ein Kunde
kann z. B. eine mobile Zahlung auch aus der Ferne widerrufen. Durch einen zusätzlichen
Passwortschutz ist das Mobile Payment mit NFC-Smartphones sicherer als die herkömm-
liche Geldbörse.
Technische Grundlage ist das „Secure Element“. Dort werden die Zahlungsfunktionen
abgelegt. Es gibt zudem eine dedizierte Infrastruktur, die nur auf die Zahlungsfunktionen
Zugriff hat. Überwacht wird sie durch den so genannten Trusted Service Manager. Er ge-

währt nur zertifizierten Applikationen Zugriff auf die Zahlungsfunktion.

 

Welche Grenzen und Risiken sehen Sie?
Trotz der strikten Sicherheitsarchitektur von NFC lassen sich bestimmte Risiken nie ganz
ausschließen. Es gibt auch heute schon die Möglichkeit, bestimmte NFC-Sicherheitsme-
chanismen zu umgehen und unbefugt an zahlungsrelevante Daten zu gelangen. Hier
bietet Mobile Payment jedoch durch den zusätzlichen Passwortschutz einen höheren Si-
cherheitsstandard als die Geldbörse.

 

Datenschützer sprechen vom „gläsernen Bürger“. Wie bewerten Sie dies?
Unabhängig von NFC werden bereits heute Informationen erfasst und gesammelt, die im
Zusammenhang mit mobilen Zahlungsvorgängen stehen, nämlich von EC- und Kredit-
karten-Anbietern. Die NFC-Technologie gibt dem Verbraucher zusätzlich die Möglichkeit,
verschiedene Service-Ebenen zu wählen und damit, welche Daten verwendet werden dür-
fen. Laut Datenschutzbestimmungen müssen Anbieter von Mobile Payment den Verbrau-
cher über die gesammelten Daten und deren Verwendung aufklären und sich ausdrücklich
seine Zustimmung erteilen lassen.

 

Wie beurteilen Sie die zukünftige Bedeutung des Mobile Payments?
Der mögliche Nutzen für Verbraucher und Händler ist groß und ebenso das Interesse. In
unserer jüngsten Studie, dem „MobileWeb Watch 2012“, sehen wir, dass rund jeder
zehnte Internetnutzer in Deutschland bereits Mobile Payment Dienste nutzt und weitere
40 Prozent in naher Zukunft Mobile-Payment-Services nutzen möchten. Besonders in Ent-
wicklungs- und Schwellenländern eröffnen Mobile Payment- und „Mobile-Wallet“-Lö-
sungen neue Möglichkeiten. Doch Barrieren und Hindernisse sind nicht zu unterschätzen.
Google etwa wollte 2011 damit beginnen, den Markt für Mobile Payments über NFC zu

revolutionieren, konnte sich aber bisher nicht durchsetzen. Damit Kunden stärker mobil be-
zahlen können, müssen die Möglichkeiten dafür flächendeckend zur Verfügung stehen. Die
Einzelhändler sind noch zurückhaltend, denn für sie gibt es derzeit nur wenig direkte Anrei-
ze, in die Infrastruktur zu investieren. Wir haben das klassische „Henne-Ei-Problem“, das
wohl nur mit innovativen Geschäftsmodellen und Kooperationen der unterschiedlichen
Markt­teilnehmer zu lösen ist.

 

Was passiert Unternehmen, die sich nicht oder erst später für den Aufbau eines entsprechenden Angebots entscheiden?
Mittlerweile gehen mehr als die Hälfte der In­ternetnutzer in Deutschland mit einem Smart-
phone oder Tablet online, das zeigen Accenture-Erhebungen. Mobile Internetdienste sind
ein Massenmarkt; wer daran teilhaben will, muss sich mit mobilen Bezahlmöglichkeiten
auseinandersetzen. Wer das nicht tut, riskiert auf lange Sicht Marktanteile zu verlieren. In-
novative Geschäftsmodelle haben schon manches Mal die bessere Technologie geschlagen.
PayPal ist ein solches Beispiel, es wurde bislang von den traditionellen Akteuren nur als ent-
fernte Bedrohung wahrgenommen, doch in Zukunft kann das Unternehmen eine große
Rolle im Zahlungsverkehr spielen.

 

Wird „Mobile Payment“ Bargeld, Kredit- und EC-Karten verdrängen können?
Mobile Payment ist kein Ersatz für Bargeld. Aber es ist gut möglich, dass sich das bar-
geldlose Bezahlen weiter flexibilisiert, mit dem Handy als einer weiteren Option – mög-
licherweise zulasten der EC- und Kreditkarte. Beide Formen basieren auf einer ähnlichen In-
frastruktur. Doch für eine weitere Verbreitung von Mobile Payment müssten sich die Betei-
ligten zunächst auf einen Standard einigen. Der Verbraucher wird die Bezahlmöglichkeit
über sein Handy nur dann extensiv nutzen, wenn sie benutzerfreundlich ist und das Be-
zahlen dadurch für ihn einfacher wird.