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Trends in der IT

Burnout in der IT – Modeerscheinung oder verdrängte Realität? (I)

Dr. Stefan Leidig

Dr. Stefan LeidigDr. Stefan Leidig ist Diplompsychologe, approbierter Psychotherapeut
und Supervisor für Verhaltenstherapie. Er beschäftigt sich seit 1984 mit
arbeitsplatzbezogenen Problemstellungen in der Psychologie. Zwanzig
Jahre war er in der Psychosomatischen und Sucht-Rehabilitation tätig,
davon zehn Jahre in leitender Funktion. Seit 1996 Organisation von
Veranstaltungen zur betrieblichen Gesundheitsförderung mit dem Fokus
„Psychischer Stress am Arbeitsplatz“, Supervision und Coaching.

 

 

EMU-Systeme (Externe Mitarbeiter-Unterstützung)

EMU-Systeme ist ein interdisziplinäres Netzwerk und wurde 2004 durch Herrn Leidig
gegründet. EMU-Systeme erstellt und trainiert Strategien zur betrieblichen Gesundheits-
förderung für die Bewältigung psychischer Stressbelastungen. Das Leistungsspektrum
erstreckt sich von Stressbewältigungs- und Selbstmanagementtrainings über Beratung/
Supervision der betrieblichen Gesundheitsdienste, Aufklärungsprogramme für alle Berei-
che und Hierarchieebenen bis hin zum Coaching und Trainings für Führungskräfte.


Interview

Was brachte Sie dazu, in das Spezialgebiet Burnout einzusteigen?

Ich bin an das Thema herangegangen, weil ich mich schon immer mit der Schnittstelle
zwischen Arbeitspsychologie und klinischer Psychologie beschäftigt und auch über das
Thema „Arbeitsbedingungen und psychische Störungen“ promoviert habe. Ich habe
darüber geforscht, inwieweit sich Arbeitsbedingungen tatsächlich auf die Verlänge-
rung und Verschlimmerung der psychischen Störungen auswirken.

 

Was war der ausschlaggebende Punkt, der Sie in die Selbstständigkeit führte?
Ich hatte das Glück, relativ früh eine Leitungsfunktion bekommen zu haben. Nach
über zwanzig Jahren Klinikarbeit hatte ich irgendwann keine Lust mehr, noch weitere
zwanzig Jahre in Kliniken zu arbeiten. Somit habe ich mich selbstständig gemacht.
Heute ist es super spannend, ich habe eine Praxis und kann in Betrieben Präventions-
arbeit leisten, die nachhaltig ist.

Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer Arbeit?
Die Abwechslung aufgrund der verschiedenen Tätigkeiten. Ich behandele Patienten,
ich halte Vorträge, ich bilde aus. In meiner Arbeit geht es immer darum, Menschen
dabei zu helfen, ihre Handlungsspielräume zu erweitern, und das bereitet mir eine gro-
ße Freude.

Wie würden Sie Burnout von Depression abgrenzen?
Burnout ist keine Unterklasse von Depressionen. Angsterkrankungen, Depressionen,
Essstörungen, Süchte, Zwangserkrankungen sind Beispiele für klinische Diagnosen,
die ganz klar zu beschreiben sind und die jeder Arzt diagnostizieren kann. Burnout
ist hingegen ein sehr unklarer Begriff, weil er zu viele Symptome beinhalten kann und
damit beliebig wird. Das ist so, als würde man alle Fahrzeuge als „Traktor“ bezeich-
nen: Wenn jemand kommt und sagt: „Mein Traktor ist kaputt“, wüssten Sie nicht, ob er
einen neuen Fahrradschlauch, eine Autobatterie oder eine LKW-Plane braucht.
Wenn jemand sagt, er habe ein „Burnout“, wissen wir nicht, ob das was mit Angst zu
tun hat, ob es wirklich am Arbeitsverhalten hängt etc. - eine Diagnose, die zu einer kla-
ren Behandlung führt, ist das nicht.

Unterliegt eher die Managementebene oder der Bereich der einfachen An-
gestellten einem besonderen Gefährdungspotential?
In Bezug auf einen Begriff, der eigentlich zu allgemein ist, kann ich diese Frage gar
nicht richtig beantworten. Aber ich kann Ihnen eine andere Frage beantworten und
zwar, wo die Stressbelastung am meisten gefühlt wird. Eine Stresssituation be-
steht mindestens aus zwei Aspekten: aus der tatsächlichen Arbeitsbelastung und
meiner individuellen Freiheit diese Belastung in den Griff zu kriegen. Wie ist das
Betriebsklima, habe ich Zeit mit meinen Kollegen zu sprechen, habe ich verständ-
nisvolle Vorgesetzte, habe ich Spielräume etc.? Da hat die Verkäuferin im Super-
markt ganz schlechte Karten, da stehen X Kunden an der Kasse und die einzige
Kollegin muss Regale einräumen. Wenn sie nun nur auf Toilette muss, kann die
Kasse nicht einmal zugemacht werden. Das wären geringe Spielräume bei hoher
Belastung. Ein Top-Manager hat mehrere Assistenten. Somit gibt es dort viel mehr
Spielraum, weswegen sie auch viel höhere Arbeitsbelastungen verkraften. Ob sich
aus hoher Belastung und geringen Spielräumen psychische Störungen entwickeln,
ist aber wieder eine individuelle Geschichte, bei der man auch private Aspekte be-
rücksichtigen muss.

Welche Maßnahmen seitens des Management sind zu empfehlen?
Der Umgang mit arbeitsunfähigen oder leistungsgeminderten Mitarbeitern ist im-
mer eine Führungsaufgabe und es gibt auch Hilfen, z. B. ein von Krankenkassen
finanziertes Modell der stufenweisen Wiedereingliederung. Hier wird der Betroffene
über ein halbes Jahr stufenweise an den Arbeitsplatz zurückführt. Das Delta zur nor-
malen Arbeitszeit zahlt die Krankenkasse. Dem Arbeitgeber geht dadurch kein Geld
verloren.
Wichtig ist, dass es im Betrieb einen Fachmann wie einen Betriebspsychologen
oder einen Betriebsarzt gibt, der sich damit auskennt und Führungskräfte kompetent
beraten kann. Man kann von einer Führungskraft keine diagnostischen Kenntnis-
se erwarten, sie muss aber wissen, an wen man sich wenden kann. Innerbetriebliche
Ansprechpartner sind heute so notwendig wie nie.

Und die persönliche Prävention?
Jeder Mensch ist individuell unterschiedlich stressanfällig. Unterstützung durch
gutes Teamklima gibt einem das Gefühl, dass man am Arbeitsplatz Fairness erfährt.
Studien zeigen, dass Unterstützung und Fairness Faktoren sind, die gesund er-
halten. Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Führungskräfte sich um meine Be-
lange kümmern, wenn ich eine Kultur von gegenseitigem Respekt und Unterstützung
habe und mich traue, Handlungsspielräume zu nutzen, ist die Wahrscheinlichkeit
der Erkrankung geringer. Wenn wir alle ein bisschen in uns reinhorchen und mit

andern so respektvoll umgehen, wie wir das von Arbeitskollegen oder Vorgesetzten

erwarten, wäre allen schon viel geholfen. Insofern ist es ganz gut,

bei sich selbst anzufangen.

Wie würden Sie Beruf- und Privatleben trennen?
Ich weiß gar nicht warum man es trennen sollte. Ich finde es gar nicht so schlimm,
wenn man etwas gerne macht, darüber auch privat zu erzählen. Andererseits muss
man aber wissen, wo die Grenze ist – und diese auch verteidigen.

Erkennen Krankenkassen Burnout als Krankheit an?
Burnout ist offiziell eine Zusatzkodierung zu einer Hauptdiagnose.
Man braucht aber, um eine psychotherapeutische Behandlung bei der Krankenkasse

abrechnen zu können, als Arzt oder als Therapeut eine solche Hauptdiagnose.

Wenn ein Behandler nur „Burnout“ diagnostiziert, bezahlt die Krankenkasse keinen Cent.

Wird sich der Mensch den immer steigenden Stressbedingungen anpassen?
Er passt sich an, aber momentan gibt es viele Opfer, weil es an vielen Arbeitsplät-
zen noch keine routinemäßigen Präventionsstrategien gibt. So war es schon im-
mer. In jeder Phase der Industrialisierung gab es typische Erkrankungen, derer man
erst einmal durch einen Prozess der Entwicklung geeigneter betrieblicher Präven-
tionsmaßnahmen habhaft werden musste. Natürlich gibt es auch viele außerbetriebli-
che, gesellschaftliche Ver­änderungen, aus denen neue, psychisch belastende Stress-
bedingungen resultieren.

Möchten Sie unseren Lesern noch einen persönlichen Ratschlag mitgeben?
Man muss klar sagen, dass Menschen, die unter psychischen Störungen leiden, kei-
ne Spinner sind. Das sind Betroffene, die es irgendwie erwischt hat, wie es jeden von

uns erwischen kann. Dieses Risiko trägt jeder, da wir in einer Gesellschaft leben, in der
die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken, einfach hoch ist: 30 Prozent

aller Deutschen erleiden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal eine psychische Störung.

Man sollte dann auch keine Angst haben, sich von Fachleuten helfen zu lassen.

Man ist kein „Weichei“, wenn man zum Psychotherapeuten geht.