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Trends in der IT

Anonymous

Seit dem Jahr 2008 hat die in Online-Foren ent­standene Gemeinschaft
Anonymous mit teils spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht.
Am bekanntesten sind dabei sicherlich die Angriffe auf Web-Server einiger
großer Unternehmen.
In Abgrenzung zu den Anfang der 1980’er Jahre entstandenen Hacker­
gruppen spielen bei Anonymous politische Ziele eine wichtige Rolle: Hacker-
Angriffe und Aktionen werden meist mit dem Kampf für die Freiheit des
Internets und gegen Zensur begründet.
Da Anonymous keine straffe Organisationsstruktur besitzt, fällt es Außen­ste­
henden schwer, sich ein einheitliches Bild der Ziele von Anonymous zu machen.

 

Herkunft

Die Wurzeln von Anonymous gehen zurück auf Imageboards, wie das weitgehend freie
Imageboard 4chan. Nutzer können bei 4chan anonym Beiträge eintragen, wobei diese
nur bei konkreten Verstößen gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten entfernt werden
(4Chan, 2012).
Werden Beiträge in 4chan anonym hinterlegt, so wird als Autor „Anonymous“ angegeben.
Die Verwendung von „Anonymous“ als stellvertretendem Namen für anonyme Autoren
entspricht dem Vorgehen vieler weiterer Plattformen im Internet.
Um 2008 begannen einige Nutzer der Plattform 4chan mit einem Gedankenspiel: Alle
mit „Anonymous“ bezeichneten, also alle anonymen Nutzer könnten als ein Kollektiv gese-
hen werden. Das der Internet-Kultur nahestehende Satire-Wiki „Encyclopedia Dramatica“
beschreibt dies so: „Anonymous, in addition to being responsible for 85% of all quotes
ever cited [...], is the source of 91% of all Internet truth and justice“ (Encyclopedia Dra-
matica, 2012).
Auf 4chan und ähnlichen Plattformen begann sich in der Folge Anonymous als Orga-
nisation zu entwickeln, deren Struktur auf Beiträgen anonymer Nutzer basiert.
Anonymous wird mit fünf Leitsätzen in Verbindung gebracht, deren Verwendung bei
Veröffentlichungen (WeWhisperTheTruth, 2009) auf die Anonymous-Herkunft hinweist:

„We are Anonymous.
We are Legion.
We do not forgive.
We do not forget.
Expect us.” (ChurchOfScientology, 2008)

 

Die Leitsätze selbst besitzen dabei eine erkennbar bedrohliche Wirkung, die beim zweiten
Leitsatz („We are Legion.“) deutlich wird. Dieser lehnt sich an eine biblische Textstelle
(Markus 5, 9) an, in der ein Dämon auf die Frage nach seinem Namen antwortet: „Legion
heiße ich; denn wir sind unser viele.“
Neben den Leitsätzen kommt zudem oft eine aus dem Comic „V wie Vendetta“ von
Alan Moore sowie der gleichnamigen Verfilmung bekannte Gesichtsmaske zum Einsatz.
Anonymous-Aktivisten verbergen auf Fotos oder Videos ihre Gesichter meist hinter einer
solchen Maske.

 

Ziele

Der freien und anonymen Struktur von Anonymous folgend, kämpfen die Anonymous-Ak-
tivisten gegen Zensur und für Freiheit, vor allem die Freiheit der Meinungsäußerung.
Anfangs richteten sich die Aktivitäten von Anonymous hauptsächlich gegen die religiöse
Bewegung Scientology: Auf Bestreben von Scientology hatte YouTube ein Video entfernt, in
dem der Filmstar Tom Cruise offen über Scientology gesprochen hatte. Der von Scientology
mit Urheberrechtsverletzungen begründete Schritt wurde von Anonymous als Internet-Zen-
sur interpretiert (Vamosi, 2008). In einem im Januar des Jahres 2008 veröffentlichten Video
hat Anonymous daher den Kampf gegen Scientology ausgerufen: „Anonymous has therefo-
re decided that your organization should be destroyed.“ (Church0fScientology, 2008)
In der Folge wurden von Anonymous-Aktivisten die Scientology-Webserver mit „Deni-
al of Service“ (DoS) genannten Verfahren angegriffen (McMillan, 2008). Bei DoS-Angriffen
werden Webserver letztlich meist durch fingierte Anfragen derart überlastet, dass diese für
die normale Nutzung nicht mehr oder nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Nach dem
DoS-Angriff auf Scientology folgten weitere Formen des Protests wie Demonstrationen
oder Kundgebungen (berlinonymus.wordpress, 2012).
Neben dem Kampf gegen Scientology hat Anonymous eine Vielzahl weiterer, teils
spektakulärer Aktionen durchgeführt. Zu nennen ist hier beispielsweise die „Operation
Payback“ (Zeit Online, 2010). Im Zuge dieser Operationen fanden DoS-Angriffe auf die
Unternehmen Mastercard und PayPal statt, nachdem diese die Konten der Enthüllungs-
plattform Wikileaks gesperrt hatten.
Immer wieder wird Anonymous auch mit den Angriffen auf Sony im Jahr 2011 in Ver-
bindung gebracht. Im Vorfeld dieser Angriffe fand der bekannte Hacker Georg Hotz einen
Weg, den Kopierschutz von Sonys Spielekonsole zu umgehen und veröffentlichte diesen.
Sony reichte in der Folge eine Klageschrift gegen den Hacker ein (Dörner, 2011).
Anonymous reagierte daraufhin im April 2011 mit einer DoS-Attacke auf Sony, die im
Juni 2011 zusätzlich durch einen Angriff der Anonymous nahestehenden Hacker-Gruppe
Lulz Security (LulzSec) unterstützt wurde (Spiegel Online, 2011).


Herausforderungen

Das Selbstverständnis von Anonymous macht es schwer, akzeptierte Vertreter oder gar
Sprecher von Anonymous zu benennen
Der Journalist Barrett Brown wurde Anfang 2011 in den Medien als der Kopf von An-
onymous bezeichnet (Rogers, 2011). Schon wenig später distanzierte sich dieser allerdings
von Anonymous, wobei Brown gleichzeitig von Anonymous-Aktivisten als „Wichtigtuer“
bezeichnet wurde (Wiedemann, 2012).
Brown äußerte, dass eine anonyme Organisation mit anonymen Mitgliedern kaum einer
Qualitätskontrolle zu unterwerfen sei. Nach dem Angriff auf Sony stelle sich ihm zudem die
Frage nach den Prioritäten: „[...] you attract a lot of people whose interest is in fucking with
video game companies [...]“. (Anderson, 2011). Die Aktionen von Anonymous werden in
vielen Staaten als Straftat gewertet.
Untersuchungen und Ermittlungen gegen Anonymous gab und gibt es auch in Deutsch-
land. So kam es im Zusammenhang von Ermittlungen einer Anonymous-Aktion gegen die
Gema (Horchert & Rosenbach, 2012) bundesweit zu Hausdurchsuchungen.


Fazit

Das Internet eröffnet die Möglichkeit zum anonymen Gedankenaustausch. Viele fasziniert
die Idee, dass sich die anonymen Verfasser von Diskussionsbeiträgen auf Online-Plattfor-
men als Vertreter einer anonymen Mehrheit von Internet-Nutzern verstehen.
Anonymous zeigt gleichzeitig aber auch die Grenzen: Wenn auch eine Idee gedanklich
von vielen getragen werden kann, so führen am Ende immer einzelne Individuen konkrete
Aktionen aus. Diese laufen auf der einen Seite Gefahr, die juristische Verantwortung zu
tragen, sind auf der anderen Seite jedoch von Anonymous nicht mit einem belastbaren
Vertretungsauftrag ausgestattet.

 


Literaturverzeichnis

4Chan. (2012). Rules. Abgerufen am 1. Juli 2012 von 4chan: http://www.4chan.org/rules

Anderson, N. (2011). Prolific ‚spokesman‘ for Anonymous leaves the hacker group. Abgerufen am 15. Juli 2012 von Ars Technica: http://arstechnica.com/tech-policy/2011/05/why-anonymous-spokesman-is-leaving-the-group/

berlinonymus. (2012). Projekt Chanology. Abgerufen am 1. Juli 2012 von WordPress: http://berlinonymus.wordpress.com/

ChurchOfScientology. (2008). Message to Scientology. Abgerufen am 1. Juli 2012 von YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=JCbKv9yiLiQ

Dörner, S. (2011). Datendiebstahl: Wie sich Sony die Hacker zum Feind machte“. Abgerufen am 1. Juli 2012 von Handelsblatt: http://www.handelsblatt.com/technologie/it-tk/it-internet/datendiebstahl-wie-sich-sony-die-hacker-zum-feind-machte/4103118.html

Encyclopedia Dramatica. (2012). Anonymous. Abgerufen am 1. Juli 2012 von Encyclopedia Dramatica: http://encyclopedia-dramatica.se/Anonymous

Horchert, J., & Rosenbach, M. (2012). Anonymous-Attacke gegen Gema führt zu Hausdurchsuchungen. Abgerufen am 15. Juli 2012 von Spiegel Online: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/anonymous-attacke-gegen-gema-fuehrt-zu-hausdurchsuchungen-a-838656.html

McMillan, R. (2008). Hackers Hit Scientology With Online Attack. Abgerufen am 1. Juli 2012 von PCWorld: http://www.pcworld.com/article/141839/hackers_hit_scientology_with_online_attack.html

Rogers, T. (2011). Barret Brown is Anonymous. Abgerufen am 15. Juli 2012 von D Magazine: http://www.dmagazine.com/Home/D_Magazine/2011/April/How_Barrett_Brown_Helped_Overthrow_the_Government_of_Tunisia.aspx

 


Autor

Prof. Dr. Jens Reinhardt

Prof. Dr. Jens ReinhardtFachhochschule Mainz,
Fachbereich Wirtschaft,
55128 Mainz